Wie Yves Patrick Delachaux vom Quartierpolizisten zum prominenten Dissidenten der Genfer Polizei wurde.

Wochen Zeitung      – Helen Brügger

Er wirft sich in die Brust und trompetet im Kasernenhofton: «Delachaux, du hast nichts als eine grosse Schnauze!» Wer so lustvoll seinen früheren Vorgesetzten imitiert, ist Yves Patrick Delachaux, Ex-Quartierpolizist, 44jährig. Vor zwei Jahren hat er den Bettel hingeschmissen: «Die Genfer Polizeidirektion ist inkompetent, autistisch und verkalkt», sagt er. Schlimmer: «Ein Gebilde, in dem das Gesetz des Schweigens herrscht, wie bei der Mafia.»

Wie wird man nach achtzehn Berufsjahren zum europaweit beachteten Polizeikritiker? «Meine Eltern haben sich scheiden lassen, ich bin von Frauen erzogen worden», setzt Delachaux zu einer Erklärung an. Sein ganzes bisheriges Leben lang habe er ‘den Vater’ gesucht, den starken Mann. Zuerst als Spitzensportler, dann in der Armee, schliesslich in der Polizei. Erst über vierzigjährig habe er die Abwesenheit seines Vaters verziehen und gleichzeitig gemerkt, dass er aus den starren Strukturen seines Lebens ausbrechen musste. Seither ist er unterwegs: Auf Reisen im fernen Osten, als Krimiautor, Verfasser von Sachbüchern, Erwachsenenbildner, Polizeiexperte. Sein bekanntester Krimi heisst Flic de quartier.

“Du trittst in die Polizei ein, weil du ‘Freund und Helfer’ sein möchtest. Es dauert etwa drei, vier Jahre, bis du alles durchschaut hast. Dann kriegst du den Blues. Du kannst deine Zweifel im Alkohol ertränken, oder in den Widerstand gehen.» Delachaux, als Polizist im «heissen», multikulturellen Genfer Quartier Le Pâquis tätig, ging in den Widerstand. Statt auf Repression setzte er auf Prävention und Schlichtung, auf Kontakte mit den ausländischen Gemeinschaften. Daraus entstanden die «îlotiers ethniques», mit der Zivilgesellschaft vernetzte, bürgernahe, zwischen den kulturellen Gemeinschaften vermittelnde Quartierpolizisten.

« Je mehr ein Polizist glaubt, er müsse Bodybuilding machen, desto schwächer ist er», sagt Delachaux. «Als ich noch Flic war, habe ich Weste und Krawatte getragen, heute stecken alle im Kampfanzug, das löst Spannungen aus!» Die Polizei müsse im Gegenteil entmilitarisiert, demokratisiert, die Hierarchien abgeflacht werden. «Der Polizist, der sich als Ordnungshüter versteht, kann die Menschen, die seine Ordnung stören, nur als Feinde empfinden.» Stattdessen müsse er sich als einer unter anderen im Dienst der Gemeinschaft verstehen: «Die erste und wichtigste Aufgabe des Polizisten ist es, die Menschenrechte zu verteidigen.»

Delachaux bildete sich weiter, unterrichtete PolizistInnen in Ethik und Menschenrechten, schloss mit 39 Jahren ein Studium in Erziehungswissenschaften ab, schrieb Essays über die Problematik interkultureller Beziehungen und Rassendiskriminierung in der Polizei – «was soll man zu einem Polizeioffizier sagen, der seine Leute mit dem Befehl losschickt: ‘Heute macht ihr nur die Blacks’?» Genf sandte ihn als Botschafter für sein interkulturelles Konzept ins Ausland, strich aber gleichzeitig seine Kurse zusammen und stoppte das Experiment. Delachaux kündigte den Job: «Ich hätte den Eindruck gehabt, meinen Auftrag zu verraten, wenn ich nicht demissioniert hätte.» Seither lebt er von seiner Arbeit als Autor und Berater auf schweizerischer und europäischer Ebene.

“Ich erhalte enorm viel Unterstützung von meinen ehemaligen Kollegen», sagt Delachaux. Das Problem seien nicht die Polizisten vor Ort, sondern die «kleinen Bosse, die sich gross fühlen, wenn sie wie in Genf grosse schwarze Motorräder für ihre Kommissariate anschaffen dürfen.» Delachaux warnt vor der Sicherheitshysterie, davor, dass die Polizei wie eine Armee, in den französischen Banlieues gar wie eine Besatzungsarmee auftrete. «Solche Einsätze schaffen die Probleme erst, die sie zu lösen vorgeben», ist er überzeugt. «Und wem nützt das alles? Der extremen Rechten!»

Ist es nicht ein bisschen naiv zu glauben, man könne eine Institution wie die Polizei demokratisieren? «Naiv?, nein, aber vielleicht utopisch! Aber ich bin ein pragmatischer Utopist, ich rede nicht nur, ich mache Vorschläge.» Seine Wohnung ist mit Kunstgegenständen aus dem Fernen Osten geschmückt, auf seinen Reisen habe ihn der Zen-Buddhismus angezogen, gleichzeitig könne er seine protestantischen Wurzeln nicht leugnen: «Ich fühle mich nicht wohl, wenn ich nicht jeden Tag mit dem Gefühl abschliessen kann, die Gesellschaft ein bisschen verändert zu haben.» Deshalb freue es ihn auch, dass die Genfer Regierung jetzt endlich eine Polizeireform plane.

Seit Delachaux nicht mehr Polizist ist, fühlt er sich «mehr Flic denn je». Und wenn er die Gelegenheit hätte, nochmals von vorne zu beginnen? «Ich bin verheiratet, habe zwei Kinder, führe ein glückliches Leben und verleugne nichts, was ich getan habe. Aber wenn ich ein zweites Leben hätte, würde ich nicht als Mann im reichen Genf, sondern als Frau in Afrika oder Asien auf die Welt kommen wollen. Aus Interesse an einer neuen Erfahrung. Und aus Lust an der Provokation.»